Trainingsinhalte

Unser Training orientiert sich an der Trainingsabfolge aus Indien. Vorbereitende Übungen, Begrüßungsformen, waffenlose Formen und zuletzt Waffenformen sind die Hauptbestandteile. In Südindien, Kannur, ist es jedoch wärmer, es wird meistens morgens trainiert und nach einer Selbstmassage „in Öl“. Besonders das Öl können wir vor dem Training nicht auftragen, weil die Trainingsräume dies nicht erlauben. Durch das andere Klima muss man bei uns mehr Aufmerksamkeit auf die vorbereitenden Übungen legen („Aufwärmen“), dieser Teil ist deswegen länger als in Indien. Aus der Sicht von Neurologen und Sportwissenschaftler*innen lässt sich das Gehirn am besten durchbluten, vorbereiten oder „aufwärmen“ durch spielerische Elemente mit einem Gegenüber. Deswegen haben wir am Ende der Vorbereitungsphase noch verschiedene „spielerische“ Partnerübungen angehängt. Es ist uns allerdings wichtig, dass alle Trainingsinhalte aus dem großen Fundus von Übungen und Formen stammen, die aus dem Kalari in Kannur stammen.
In unserem Kalari in Kannur werden drei verschiedene Stile gelehrt und trainiert (siehe weiter unten Stile). Sie beziehen sich ursprünglich auf verschiedene Regionen Keralas und werden als nördlich, zentral und südlich bezeichnet. Bei uns im Training dominiert der nördliche Stil, weil er umfassend den Körper trainiert, vorbereitet, ausbildet. Der südliche und zentrale Stil werden derzeit in geringerem Umfang trainiert.

Herkunft

Die Herkunft unserer Tradition ist Südindien, der Bundesstaat Kerala, die Stadt Kannur. Hier ist unser Kalari und die MKA, die Malabar Kalarippayatt Academy (früher bekannt als KKA) ansässig. Unser gurukkal (Malayalam, plural für Lehrer oder Meister) heißt Mohammed C. Sherif und wird im Malayalam mit dem respektvollem Plural Sherifka angesprochen. Neben ihm sind seine Kinder und andere langjährige Lehrer bzw. Meisterschüler unsere aktuelle Referenz ins Ursprungsland. Die Familie des Meisters gehört dem muslimischen Glauben an, unser Meister war als Kind auf einer christlichen Schule, einige Meisterschüler glauben an „hinduistische“ Götter. Daher werden in unserer Tradition die religiösen Elemente nicht betont bzw. in einem ökumenischen Sinne verallgemeinert. Hier im Elbinsel Kalari versuchen wir, die mit dem Kalarippayatt verbundene Kultur anzuerkennen und uns nicht anzueignen (unerheblich ob sie buddhistisch, muslimisch oder „hinduistisch“ wahrgenommen wird) – wir würden sowieso scheitern.
Unser Meister hat im Laufe seines Lebens viel Kalari-Wissen (kalarividya) zusammengesammelt und einen kleinen Teil an seine Schüler weitergegeben. Er ist bei verschiedenen Meistern gewesen und hat bei verschiedenen Schulen die drei Stile gelernt. Wir dagegen nehmen es größtenteils als eine Schule war – seine Schule, die MKA Linie.

Stile

Die drei Stile sind nach verschiedenen Regionen Keralas benannt (Nord, Süd, Zentral). Der dominierende Einsatz der offenen, bloßen Hand und tiefe Körperstellungen finden sich in allen drei Stilen wieder.
Der nördliche Stil (vaṭakkan) ist sehr verbreitet und wahrscheinlich auch am bekanntesten. Er zeichnet sich durch zahlreiche, waffenlose Formen aus, die den Körper trainieren und auf die Waffenformen vorbereiten. Die Formen und Übungen trainieren Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und lehren dabei auch bestimmte mit den jeweiligen Formen verbundene Eigenschaften (z. B. flüssige, runde Bewegungen in der Wasserform und zackige, impulsive Bewegungen in der Feuerform). Die Waffenformen und Waffenarten sind hier ebenfalls sehr zahlreich und unterscheiden sich in den einzelnen Waffengattungen nicht mehr stark, so dass der Schüler eine Grundform lernen muss und dann vor allem die Änderungen und Abweichungen. Bei allen Formen (mit oder ohne Waffe) wird vom Schüler eine hohe Athletik gefordert und trainiert. Der nördliche Stil besitzt im Gegensatz zu den anderen Stilen eine gewisse, z. T. auch offensichtliche Verbindung zur Yoga-Gymnastik, woran man die gemeinsame Ursprungskultur Indien wiedererkennt.
Der südliche Stil (tekkan) ist ebenfalls in Formen strukturiert (waffenlos / mit Waffen). Die Formen sind kürzer, direkter und anwendungsorientierter. Es wirkt auch viel realer, es ist nicht so akrobatisch und die Formen wechseln oft die Richtung. Es gibt Partnerformen, bei denen sich die Übenden mit den Händen oder Unterarmen verteidigen. Die uns bekannten Waffen sind nicht so zahlreich: es gibt Langstock, Kurzstock und Messer. Auch die Waffenformen sind anders aufgebaut. Beim Langstock unterscheiden sich die Formen viel stärker. Beim Kurzstock und Messer hat nur eine Person die Waffe und die andere nimmt sie ihr ab.
Der zentrale Stil (maddhya) ist auch wieder anders. Er besitzt freiere Elemente und spielerische Übungsformen als die anderen Stile. Es gibt viele Blöcke, Hebel, Halte- und Wurftechniken. Er hat dadurch einige Ähnlichkeit mit Aikido, wobei er nicht die Formvollendung wie diese japanische Kunst besitzt. Der zentrale Stil ist hier unprätentiös. Würde man Aikido nicht so rund, schön und freundlich ausführen wäre man nah am zentralen Stil.

Waffen

Die Waffen wurden bereits bei den versch. Stilen erwähnt. Die Reihenfolge ändert sich manchmal, aber wir folgen dem Credo: erst Holz, dann Metall. Selbst in der 1. Stunde bei uns werdet Ihr einen Langstock in die Hand bekommen. Aber um keine falsche Vorstellung zu erzeugen: auch hier trainieren wir in Formen. Es gibt keine Gewinner. Wenn man sich am Körper trifft, dann war das ein Fehler und kein Punkt. Und zwar vom Angreifer und Verteidiger. Die Formen bestehen aus zwei Teilen die kongruent zueinander passen. Die Rolle des Angreifers und Verteidigers wechselt in einer Form mehrmals. Durch die Form gibt es einen Mangel an Freiheit und Spontanität, dafür kann man die Waffen in vielen Situationen nutzen, man braucht keine Schutzausrüstung und es gibt sehr selten, nur kleine Verletzungen. Es geht darum die Waffenhandhabung kennenzulernen und nicht mit einem Schwert tatsächlich zu kämpfen. Jede Waffe lehrt ebenfalls versch. Prinzipien. So macht beispielsweise der Langstock das Gesichtsfeld weit und der Kurzstock lehrt uns Stress auszuhalten.

Chikitsa – Heilkunst des Kaḷari

Die Heilkunst des Kalari besitzt z. T. ähnliche Wurzeln und Prinzipien wie der Ayurveda. Schließlich stammt es auch aus demselben Kulturraum. Die Meister im Kalari waren (bzw. sind es z. T. immer noch) die Physiotherapeuten oder Sportmediziner des Dorfes. Es gibt zahlreiche Massagetechniken, Packungen und Kräuterbehandlungen. Wir benutzen davon nur wenig. Mal eine Gegenanwendung bei einem Treffer oder eine kurze Massage bei anderen kleineren Leiden. Wir wollen gerne mehr die Massagen anwenden, aber die Trainingsorte sind einfach nicht ausgelegt für ölige Anwendungen.